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Gehirn oder Person?


Unter dem Schlagwort der Neurodidaktik haben die Neurowissenschaften eine gewisse Konjunktur in der Pädagogik. Im bildungswissenschaftlichen Diskurs besser dran ist der, der es versteht, die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung für die Pädagogik und Didaktik zu nutzen - auch wenn damit in erster Linie eine bessere pädagogische Praxis begründet wird, wie sie spätestens bereits in der Reformpädagogik beschrieben wurde. In einem Aufsatz weist Johannes Giesinger auf einen bemerkenswerten Umstand hin, den sich die Pädagogik mit diesem Transfer einhandelt: Hirnforscher wie Wolf Singer werden mit der Aussage zitiert, dass ein freier Wille nicht existiert. Wenn dem so ist, wozu soll dann Erziehung und Bildung gut sein?
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Johannes Giesinger zeigt in seiner kritischen und zugleich sehr stringent argumentierten Darstellung, dass die Grundannahmen der Neurowissenschaften mit den Grundannahmen der Bildungswissenschaft unvereinbar sind. Auf der phänomenologischen Ebene zeigt sich dies in den Aussagen zum freien Willen, dessen Existenz Hirnforscher gerne in Zweifel ziehen, der aber doch die Grundlage aller systematischen Bemühungen um Erziehung und Bildung ist: Was gilt es denn als Pädagoge zu tun, wenn wir den Menschen nicht mehr als Person betrachten, die dem Prinzip nach zu freien Entscheidungen und zur Vernunft fähig ist?

Auf der systematischen, d.h. wissenschaftstheoretischen Ebene klärt Giesinger im Verlauf seiner Darstellung den Kategorienfehler auf, der beim Transfer von neurowissenschaftlichen Erkenntnissen in die pädagogische Theorie und Praxis gemacht wird. Was eine Person als Ziel von Bildung und Erziehung ist, können wir nur im Rahmen von kommunikativen und gesellschaftlichen Praktiken erklären, eben der Praktiken, die einen Menschen zur Person machen. Die Hirnforschung kann selbstverständlich auch Aussagen über Menschen machen, aber nicht im Rahmen der kommunikativen und gesellschaftlichen Praktiken. Das heißt: Auf die Frage, was Vernunft und freier Wille ist, ist ihre Antwort ebenso wenig angemessen, wie die Frage nach dem ästhetischen Gehalt eines Kunstwerks mit der Aussage „30 kg“ beantwortet werden kann.

Giesinger gibt aber auch zwei Hinweise darauf, warum in der Pädagogik die Aussagen der Neurowissenschaften so eilfertig aufnimmt: Ähnlich wie schon in der Rezeption des Konstruktivismus setzt die Rezeption der Neurowissenschaften das denkende Subjekt, diesmal manifestiert als beobachtbare elektrische Impulse in der Gehirnmasse, in Opposition zur Welt. Diese beobachtbare Eigenaktivität der zu Bildenden (ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene) kommt erstens sehr dem Ideal der Selbsttätigkeit als Grundbegriff der neuzeitlichen Pädagogik entgegen. Zweitens trösten die Aussagen der Neurodidaktik über die mangelhafte Kontrolle aller Voraussetzungen und Wirkungen im pädagogischen Handeln hinweg. Die Aussagen der Neurowissenschaften lassen sich folglich gut mit den alltäglichen Erfahrungen in Bildung und Erziehung vereinbaren. Dass wir es aber mit Gehirnen, und nicht mit Personen zu tun haben sollen, entspricht weniger den pädagogischen Idealen.



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